Viele Einwohner Wroclaws erinnern sich noch sehr gut an den Verkauf von Blutegeln vor der Markthalle, an die Fuhrwerke mit Heizkohle, tragbare Messerschleifereien auf den Straßen oder Flaschen- und Lumpensammler in den Innenhöfen Wroclaws. Welches von Ihren Wroclaw-Fotos hat die meisten Klicks und Likes?
Dr. Jarosław Maliniak: (lacht) – „Ich erzähle von einigen. Den Rekord erzielte ein Foto von zwei Mädchen mit Eis, aufgenommen in der ul. Komandorska im Jahr 1975. Es hat 3,5 Tsd. Likes und 700 Kommentare. Die Leute schreiben, welches Eis in Wroclaw das beste war und an welche Sorten sie sich erinnern. Das zweite Foto, das für eine echte Lawine an Kommentaren sorgte, war die Warteschlange vor dem Taxistand am Hauptbahnhof aus dem Jahr 1975. An einem Tag wurde es über tausend Mal geteilt und mit Kommentaren versehen "Ja, ich stand auch in solcher Schlange", "Und der Fahrer nahm immer mehrere Leute auf einmal mit". Ein Hit ist auch die "Erholung" an der Oder aus den 80ern mit einer Dame, die Sonnenbad genießt, den „Syrenkas“ und kleinen Fiats und Kühen“.
Werden die Bilder unentgeltlich zur Verfügung gestellt?
- „Ja. Alles, was sich im Internet befindet, kann jeder kopieren, die Fotos sind natürlich in der sog. Internetbildgröße und mit unserem Zeichen versehen. Kostenpflichtig sind Fotos, die für kommerzielle Zwecke überlassen werden“.
Woher bekommen Sie die Fotos?
- „Unterschiedlich. Wir haben zwei große Sammlungen von Fotografen aus Wroclaw erworben: von Stanisław Kokurewicz (ca. 13 Tsd. Bilder) und von Zbigniew Nowak (ca. 50 Tsd. Bilder), die seit den 60er und 70er Jahren mit Tageszeitungen aus Wroclaw zusammengearbeitet haben. Zuletzt erwarben wir ca. 50 Fotos vom mittlerweile 99jährigen Stefan Arczyński, einem der bekanntesten Fotografen Wroclaws. Viele Bilder bekommen wir in Form von Schenkungen. Es sind Familienerinnerungsstücke der Umsiedler aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten, die sich nach dem Krieg in Wroclaw niederließen. Wir haben auch deutsche Fotos, die in den von den Polen besetzten Wohnungen und Häusern Wroclaws gefunden wurden. Es gibt auch Aufnahmen, die in Wroclaw von Zwangsarbeitern während des 2. Weltkriegs gemacht wurden. Man sieht dort Straßen, Arbeitsstätten oder Familienalltag im deutschen Breslau bzw. in ehemaligen polnischen Ostgebieten, z.B. in Lemberg. Wir haben auch Fotos der ehemaligen sibirischen Verbannten, die während des 3. Mai-Umzugs mitten in Afrika gemacht wurden. Die wenigsten Besitzer der Fotos rechnen mit Bezahlung, wir haben kein Problem damit."
Wie viel kosten solche Sammlungen?
- „Es kommt drauf an, ob es sich um einem hochpreisigen Autor handelt und von der Anzahl der Fotos. Je mehr man kauft, desto billiger. Auf internationalen Auktionen kann ein einziges Foto eines der berühmtesten Fotografen etliche Tsd. Euro erzielen. Unter polnischen Verhältnissen sind es mehrere Tausend Zloty, wenn auch der Rekordpreis für ein Bild aus der Zwischenkriegszeit neulich bei 130 Tsd. PLN lag. Fotos von Wroclaw, von Amateuren aufgenommen, können von 20 bis 500 PLN wert sein. Bei einer Sammlung von 1000 Fotos können es 10 Tsd. PLN oder mehr sein. Am wertvollsten sind die, die eine einmalige Szene zeigen, z.B. die Sprengung des Denkmals des Kaisers Wilhelm I. neben dem Graben (heute steht dort das Denkmal von Bolesław Chrobry). Man kann sagen, dass das Foto ähnlich wie ein Kunstwerk so viel wert ist, wie jemand bereit ist zu zahlen“.
Wenn die Leute die Fotos bringen, was sagen sie?
- „Meistens "ich habe sie euch mitgebracht, weil sie hier nicht verloren gehen". Manche haben Angst, dass die Kinder oder Enkel sie auf den Müll werfen. Es gibt auch Leute, die ganze Plastiktüten von Fotos aus den 80er Jahren in Wroclaw mitbringen. Andere geben uns ein Paar Fotos und erzählen dabei stundenlang die ihre Lebensgeschichte, weil die Bilder die Erinnerungen wach werden lassen. Es sind ergreifende, sehr gefühlvolle Momente".
Sehen Sie die Fotos auf dem Facebookprofil Nie-zapomiany Wrocław, des Zentrums "Pamięć i Przyszłość".